„Be Real Bridge Builders“ – Erasmus-Projekt zu Integration und Inklusion in Italien

Im Rahmen des von der Europäischen Union unterstützten und vollständig finanzierten Programms „Erasmus+“ hatten acht Schülerinnen und Schüler des Niedersächsischen Internatsgymnasium Esens in der Woche vom 08.02.2025 bis zum 15.02.2025 die Gelegenheit, mit ihren Lehrerinnen Frau Tonn und Frau Geistert an einem multilateralen Projekttreffen in Piacenza teilzunehmen. Zusammen mit den italienischen Gastgebern sowie Teilnehmern aus Belgien und Ungarn erlebte die Gruppe eine Woche voller kultureller Entdeckungen, spannender Workshops und einzigartiger Erlebnisse. Zum Auftakt der zweijährigen Zusammenarbeit folgte die Begegnung dem Motto „Be Real Bridge Builders“, wobei Authentizität und Inklusion in der Schule und darüber hinaus im Mittelpunkt der Aktivitäten standen.

Nach der Ankunft gelang die Eingewöhnung in die Gastfamilien überwiegend schnell und beim gemeinsamen Bowlen oder einer Besichtigung der Stadt Mailand konnten zum Teil erste besondere Erfahrungen gesammelt werden.

In der Schule begann die Projektarbeit mit einer Präsentation und Reflexion der vorbereiteten Gruppenarbeitsergebnisse etwa zur Geschichte der Migration in den beteiligten Ländern sowie zu Stereotypen. Außerdem wurden die Delegationen am Montag bei der Bürgermeisterin in Empfang genommen und von vier Schülerinnen des IIS G.D. Romagnosi bei einer Stadtführung mit vielfältigen Informationen versorgt. Anschließend gab es eine großzügige Pizzaparty, bei der sich alle an Pizzen verschiedenster Art und unterschiedlichen Kuchen bedienen konnten.

Frisch gestärkt lernten die Erasmus-Schüler/innen dann das Lied „This is me“ aus „The Greatest Showman“ kennen und sangen es unter professioneller Leitung in Vorbereitung der Abschlusspräsentation am Freitag.

Der darauffolgende Tag war von Kreativität und Spaß geprägt, wobei Inklusionsschüler der gastgebenden Schule gezielt in das Programm eingebunden wurden. Zunächst fanden gemeinsame Willkommensspiele auf der Basis nonverbaler Kommunikation statt und eine von den deutschen Schülerinnen vorbereitete und animierte Aktivität zur sprachlichen Vielfalt wurde durchgeführt. Danach gestalteten die Schülerinnen und Schüler ein gemeinsames Kunstwerk, welches zum Schluss dank vieler Farben und kreativer Elemente abstrakt anmutete. Nach einer Runde Lasagne in der „Temple Bar“ wurde auch dieser Arbeitstag mit einer Lerneinheit des Liedes „This is me“ beschlossen.

Ein Highlight war der Ausflug nach Turin am Folgetag. Die wunderschöne Stadt bot zahlreiche Möglichkeiten zum Schießen von Gruppenbildern vor verschiedenen Monumenten und zur Vertiefung der Kenntnisse zur italienischen Kultur. Es wurde viel gelacht und beim Erkunden der Stadt in gemischt nationalen Gruppen die Bindung vertieft. Zum Mittagessen nahm die Gruppe an einem 3-Gänge-Menü in einem Restaurant der „Cooperativa Raggio“ teil und erlangte im Gespräch mit den Mitarbeitern Einblicke in das soziale Projekt, das die Inklusion von Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung oder problematischer Vorgeschichte in die Arbeitswelt fördert, indem es ihnen Arbeitsmöglichkeiten und soziale Teilhabe bietet.

Der Donnerstag wurde zu einem sehr ernsten und vor allem lehrreichen Tag. Im Rahmen eines Sensibilisierung-Programms bei der Caritas führten die Schüler/innen ein Simulationsspiel durch, um die Erfahrungen und Emotionen von Flüchtlingen in Ansätzen nachempfinden zu können. Die Rollen waren unter anderem die der Migranten, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, und der Grenzwärter, die Entscheidungen treffen mussten, wer in das Land einreisen durfte und wer nicht. Ziel war es, ein besseres Verständnis und mehr Empathie für die schwierige Situation von Flüchtlingen zu entwickeln und den Fokus auf das Bewusstsein ihrer Notlagen zu legen.

Den krönenden Abschluss des Programms stellte am Freitag ein „Festival der Kulturen“ dar, bei dem die Vielfalt der verschiedenen Nationen gefeiert wurde. Insbesondere stellten neben den Erasmus-Gästen auch andere Schüler/innen der gastgebenden Schule aus 19 verschiedenen Ländern die Traditionen und Besonderheiten ihrer Heimat an Ständen und in Darbietungen wie traditionellen Tänzen oder einer Modenschau festlicher Kleidung der verschiedenen Kulturkreise vor.

Der Höhepunkt war natürlich die gemeinsame Aufführung des während der Woche einstudierten Lieds, das Selbstakzeptanz und Authentizität als zentrale Werte verkörpert und einen kraftvollen Moment des Zusammenhalts bescherte.

Nach einem letzten freien Nachmittag und einer gelungenen Schlussfeier galt es am 15.02.2025 unter einigen Tränen Abschied zu nehmen.

Insgesamt war es eine sehr wertvolle und lehrreiche Woche, geprägt von toller Stimmung, viel Freude und intensivem Austausch. Es war faszinierend mitzuerleben, wie der Kontakt zwischen den verschiedenen Ländern immer enger wurde und echte Freundschaften geschlossen wurden. Dieses Projekttreffen wird noch lange in Erinnerung bleiben. Deshalb gilt besonders großer Dank Frau Geistert und Frau Tonn für die Ermöglichung dieser bereichernden Erfahrungen!

Zum Schluss noch ein Interview, das Thao mit Lennart, Hendrik und Toan geführt hat:

Was habt ihr gelernt/mitgenommen?

 L.: Inklusion erscheint zunächst schwer. Wegen Unsicherheit macht man sich viele Gedanken, wie man mit unterschiedlichen Menschen umgehen kann. Wenn man aber offen für Neues ist, kann man diese anfängliche Unsicherheit überwinden.

H.: Das soziale Leben ist vor allem bei Jüngeren essenziell. Freundschaften sind entstanden und ich habe unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennengelernt und ins Herz geschlossen, auch wenn das Miteinander am Anfang schwer war.

T.: Zusammenhalt macht stark! Gemeinsam kommt man ans Ziel und verändert seine Sichtweise auf Menschen auf unterschiedlichste Art, wodurch dann Berührungsängste abgebaut werden.

Was war der emotionalste Moment?

H.: Zu sehen, wie beeinträchtigte Menschen in die Gesellschaft eingebunden und integriert werden, berührt mein Herz. Gelebte Inklusion durften wir beim Gestalten des Panorama-Plakats mit Pinsel und Farbe in der Turnhalle miterleben. Ich wünsche mir, dass Inklusion auch in der deutschen Gesellschaft einen höheren Stellenwert bekommt.

T.: Beim Rollenspiel der Caritas hat es mich emotional herausgefordert, als Grenzpolizist die Entscheidung zu treffen, ob Immigranten aufgenommen werden, da man in kurzer Zeit über ihr Schicksal entscheiden musste.

L.: Abschied ist schwer. Sich von Menschen zu trennen und sie womöglich nie wiederzusehen, während man sich in der Woche zuvor gut kennengelernt hat, ist eine wahrhafte Herausforderung auf emotionaler Ebene. Fast genauso schwer war der Abschied von Knossi, den wir auf dem Hinweg am Amsterdamer Flughafen kurz getroffen haben. 

Würdet ihr Erasmus empfehlen?

T.: Erasmus war für mich eine der besten Reisen. Ich habe neue Freundschaften mit Menschen auf internationaler Ebene geschlossen. Dank ihnen konnte ich neue Kulturen kennenlernen und Erfahrungen sammeln. Ich habe mich mit Menschen verbunden und willkommen gefühlt.

L.: Auch wenn für mich nicht alles perfekt lief, würde ich mich immer wieder für Erasmus entscheiden. Es gibt mir die Möglichkeit aus schwierigen Situationen schöne Momente zu machen und auch daran zu wachsen, Kulturen kennenzulernen und mich mit Menschen anderer Herkünfte und Interessen auszutauschen.

H.: Das Erasmus-Projekt kann ich wärmstens weiterempfehlen, da es Schülern aus unterschiedlichsten europäischen Ländern die Möglichkeit gibt, zu reisen – egal aus welcher sozialen Schicht oder welchem Hintergrund sie kommen. Deswegen sollten wir dem Erasmus-Projekt dankbar sein. Dankbar für die Erfahrung und die gute Zeit. So sollten Schüler speziell vom NIGE die Chance nutzen, an so einem sowohl wichtigen als auch schönen Projekt teilzunehmen.

Text:

Marit Abken, Lina Opphard

Interview:

Thao Le, Lennart Harlfinger, Toan Nguyen, Hendrik Thedinga

Fotos:

Hannah Geistert, italienische Kolleginnen