Actionreiche Lateiner-Exkursion ins Kino Aurich

The Odyssey (2026), Logo: Dam0812 / Wikimedia Commons, CC0 1.0.
Ein nachdenklicher Odysseus zum Schluss. Das ist die Interpretation des Regisseurs Christopher Nolan in seiner brandaktuellen Kino-Produktion „Die Odyssee“, einer modernen Adaption der antiken Sage in einer Fantasy-Action-Verfilmung. Die Lateiner der 8.–10. Klassen begaben sich mit ihren beiden Lateinlehrern bei strömenden Regen und verspäteten Bussen ins Kino Aurich, um sich selbst eine Meinung über diese aktuelle Verarbeitung des Mythos zu bilden – und waren beeindruckt. Inhaltskritische Fragen hinterher („Ist denn nicht Merkur der Götterbote und nicht Athene?“) lassen darauf schließen, dass trotz unterschiedlicher Vorkenntnisse über diese weltbekannte Sage durchaus von der Schülerinnen und Schülern versucht wurde, ihr Wissen mit den Inhalten des Films in Übereinklang zu bringen. Lernziel erreicht!

Die ostfriesische „Schildkröten-formation“. Foto: E. Bessert
Üblicherweise wird die lateinische Kurzversion des Bibliothekars Hyginus, der zu Zeiten des römischen Kaisers Augustus lebte, als lateinische Übergangslektüre in der 9. Klasse nach dem Lehrbuchdurchgang von allen Lateinern gelesen. Zudem sind im Lehrbuch natürlich der Auslöser des trojanischen Krieges, nämlich die Entführung der Helena aus Sparta, das trojanische Pferd als List des Odysseus, um sich in die Festung Troja einzuschleichen, und generell die sogenannten Irrfahrten des Odysseus mit seinem Schicksal zum Beispiel bei den Sirenen oder beim Zyklopen Polyphem als Übersetzungstexte aufbereitet. Mitreden konnte somit jeder!
Trotz seiner Länge fesselte der Film die Schülerinnen und Schüler, weil die verschiedenen Schauplätze mit ihren Erzählsprüngen immer wieder für „Cliffhanger“ sorgten und die Zuschauer wissen wollten, wie es denn nun weitergehen würde. Allein schon das lange Warten von Argos, dem Hund des Odysseus, – von Nolan mehrfach wirkungsvoll in Szene gesetzt – erhöhte die Spannung auf die Rückkehr des Odysseus nach Ithaka beträchtlich.

Odysseus und seine Gefährten blenden Polyphem – Rekonstruktion der Polyphem-Gruppe von Sperlonga. Foto: Carole Raddato, 2014, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons.
Die für den Erzählstrang eingebauten Rückblicke forderten die Zuschauer allerdings sehr, zumal wenn sie nicht „sagenfest“ waren. Interessant und zudem diskussionsfähig war die zum Schluss deutlich werdende Erklärung für das lange Ausbleiben des Odysseus, der laut Sage sogar ein Jahr lang bei der Zauberin Circe verblieb und mit ihr auch Zwillinge zeugte und später 7 Jahre auf der „Urlaubsinsel“ Ogygia bei der schönen Calypso verweilte: Er traute sich nicht zurück, um nicht für das viele Morden und Sterben und Zerstören zur Rechenschaft gezogen zu werden, für das er sich wegen seiner List mit dem trojanischen Pferd verantwortlich fühlte.
Also, alles in allem: Ein durchaus lohnenswerter Ausflug unserer Lateinerinnen und Lateiner, um zu versuchen, zwischen der Antike und heute eine Brücke zu schlagen, und zu verstehen, was Adaption bedeutet: nämlich dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend mit einer Sage oder einer Erzählung umzugehen!
Text: Elise Bessert














