Herausforderung Zukunft
Gelungene Veranstaltung zur Veröffentlichung des 2. Bandes der NIGE-Schriftenreihe
Schulleiterin Anja Renken-Abken übergibt den zweiten Band der Schriftenreihe an die anwesenden Autorinnen und Autoren
Es war ein Abend der inspirierenden Begegnungen und des Austauschs, zu dem sich Ehemalige, Aktive und Interessierte der NIGE Gemeinschaft trafen, um gemeinsam diese besondere Buchveröffentlichung zu feiern. Schriftenreihen sind in der Regel Publikationen, die von wissenschaftlichen Institutionen, Verlagen, Archiven oder Stiftungen herausgegeben werden. Von Schulen aber in der Regel nicht. Das NIGE hat damit als Schule etwas in der Region Neues und auch Besonderes geschaffen.
Für den zweiten Band der NIGE-Schriftenreihe wurde ehemaligen Abiturientinnen und Abiturienten vom ersten Abiturjahr am NIGE 1968 bis 2024 die Frage gestellt, welchen Herausforderungen diese sich zu stellen hatten, inwiefern diese Entscheidungen und Handlungen beeinflusst haben und welche Auswirkungen das hatte. Und da jede Zeit ihre Herausforderungen hat, sollte auch ein Blick in die Gegenwart und in die Zukunft geworfen werden. Ein Blick, den unsere Ehemaligen in ihren Aufsätzen reflektierend anbieten –
nun mit dem vergleichenden Wissen von vergangenen Entwicklungen und Prozessen, dem Blick auf erfahrene Veränderungs- und vielleicht auch Verdrängungsprozesse und deren mögliche Auswirkungen. Insgesamt wird in den Aufsätzen des Bandes ein unglaublich spannendes, vielfältiges Szenario von Herausforderungen beschrieben, denen sich unsere Ehemaligen zu stellen hatten und auch jenen, zum Teil auch ernüchternden Szenarien, denen wir uns gegenwärtig und zukünftig alle zu stellen haben.
Mit einem feierlichen Programm wurde die Schriftenreihe am 27. November der Öffentlichkeit vorgestellt. Eingerahmt von musikalischen Beiträgen von Joscha und Niklas Kiesé, enthielten die drei Redebeiträge vieles, was sich in den Aufsätzen des Bandes wiederfindet und boten reichlich Impulse für den anschließenden Austausch und die Begegnungen zwischen Ehemaligen, Aktiven und Interessierten aus sechs Jahrzehnten NIGE-Geschichte.
Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Anja Renken-Abken ging Wilfried Schnabel in einem ersten Redebeitrag u.a. auf die Herausforderungen ein, die es bedeutete, höhere Bildung im Raum Esens mit dem Bau der „Heimschule“ zu etablieren. Was mit dem Bau der Niedersächsischen Heimschule Esens (NHE) 1966 am Rande der Stadt, auf der grünen Wiese begann, habe für das Leben von Schülerinnen und Schüler nachhaltige Bedeutung gehabt. Der Zugang zum Abitur erweiterte für viele die beruflichen Möglichkeiten und damit auch persönliche Perspektiven, die für etliche dann weit über die Halbinsel an der Nordsee hinausgingen, wie es sich auch in den Aufsätzen zeige.
Bei allen Bildungserfolgen mussten sich viele die Bildungsgerechtigkeit und -gleichheit auch hart erarbeiten und einfordern. Dieser Aspekt wurde in der anschließenden Rede von Inge Voltmann-Hummes (Abitur am NIGE 1973) deutlich. Sie ging in ihrer Rede darauf ein, wie sie die Entwicklung der Gleichberechtigung der Geschlechter über die Jahrzehnte erlebt hatte und veranschaulichte diese an Ereignissen und biografischen Lebensstationen. Selber sei sie z.B. von ihren Eltern noch auf die Rolle der Ehefrau und Mutter vorbereitet worden, obwohl bei ihr das Streben nach gleichen Möglichkeiten immer existent gewesen sei. Im Studium habe sie dann verstärkt die – auch von den männlichen Kommilitonen unterstützte – Forderung nach mehr Gleichberechtigung erfahren, stellte sich aber zugleich kritisch die Frage, ob diese Männer dann auch in allen Bereichen solidarisch und gleichberechtigt handeln würden, wenn es um Erziehung und Pflege gehe. In ihrer Rede verwies sie z.B. darauf, dass im Jahr 1976 für Frauen, die arbeiten wollten, die Zustimmung des Ehemannes rechtlich noch erforderlich war, und diese Regelung erst am 1. Juli 1977 abgeschafft wurde. Bis dahin habe die berufliche Tätigkeit mit den häuslichen Pflichten vereinbar sein müssen, und die Entscheidung lag beim Ehemann.
Lag in den ersten beiden Beiträgen der inhaltliche Tenor noch auf Zugang zu höherer Bildung, Chancengleichheit und Reformen, setzte Nils Rüstmann (Abitur am NIGE 2013) einen anderen Schwerpunkt. Für ihn war das NIGE der Ort, der als Lebensraum Schule Schutz bot und Entfaltung ermöglichte. In seiner Rede betonte er, wie wertvoll Freiheit und Vielfalt in einer demokratischen Gesellschaft sei, warnte aber zugleich vor den Gefahren, wenn Populisten und Extremisten einfache Lösungen anböten. Je stärker sich eine Gesellschaft an der Freiheit des Einzelnen ausrichte, desto mehr büße sie selbst an Gestalt ein. Sie werde fragmentierter, diffuser. Das erschwere es uns, uns selbst zu finden. „Welche Erwartungen werden an mich gerichtet? Welche Rolle nehme ich ein? Wohin kann ich mich wenden? Worauf darf ich hoffen? Fragen, auf die uns unsere Gesellschaft nicht einfach Antworten vorsetzt, an denen wir uns abarbeiten könnten. Wir müssen vielmehr selbst nach Antworten auf diese Fragen suchen und uns mit unseren eigenen Antworten auseinandersetzen. Das ist heute die Herausforderung. Sie verlangt uns eine Menge ab.“ Hier setzte Nils Rüstmann auf Mündigkeit und sagte: „Die Verteidigung und Weiterentwicklung unserer freiheitlichen Ordnung zählt zu den drängendsten Aufgaben unserer Zeit. Und am NIGE seid ihr längst mittendrin.“
Im Anschluss an die „inspirierenden Redebeiträge“, wie es eine Schülerin aus dem Jahrgang 13 formulierte, gab es einen lebendigen Austausch und die Gelegenheit, dass sich sechs Jahrzehnte gelebter NIGE-Gemeinschaft begegnen.
Text: Wilfried Schnabel
Fotos: Tjark-Fokken Emken, Jelda Poppen, Wilfried Schnabel


















