Studienfahrt Krakau 2024

Unsere Studienfahrt nach Krakau startete pünktlich um 6:40 Uhr am Bahnhof in Sande. Der Randale anderer Zugpassagiere zum Trotz, kam unsere Reisegruppe planmäßig und best gelaunt in Berlin an und konnte nach einer Stärkung die Weiterreise mit dem Flixbus gen Polen antreten. Nach einer neunstündigen Fahrt freuten sich alle 30 Mitreisenden auf das Hotel, doch vorher trafen wir am Bahnhof auf den Reiseleiter Christian. Dieser betreut schon seit vielen Jahren die Studienfahrten des NIGE in Krakau und trug mit seinem kulturellen, geschichtlichen und nicht zuletzt kulinarischen Wissen entscheidend zum Erfolg der Studienfahrt bei. Nach einer belgischen Gute-Nacht-Pommes mit dänischer Remoulade bezogen wir unsere Betten im Hotel Miodowa, das durch seine Sauberkeit und Modernität überzeugte.

Nach einem ausführlichen Frühstück, das für die Woche zur Gewohnheit wurde, begann der zweite Tag mit bestem Wetter auf dem Wawelhügel. Dieser beherbergt ein Schloss und eine Kathedrale, die uns bei der Besichtigung mit Christian sehr beeindruckten. Erste Stadteindrücke konnten auf einem Spaziergang durch Krakaus Altstadt gesammelt werden, die auf dem Marktplatz bei den Tuchhallen und der Marienkirche endete. Die Mittagspause war für das, was uns diesen Nachmittag erwarten sollte bitter nötig: Zuerst traten wir in einem unklimatisierten, überfüllten Bus, der einige Schüler an die Zustände in Wittmunder Schulbussen erinnerte, die Fahrt ins Stadtäußere an. Christian führte uns anschließend in ein Naherholungsgebiet zum „Einwandern“ – für ihn nur eine kleine Tour, bei 25 Grad für viele Schüler aber schon eine Herausforderung. Belohnt wurde die Anstrengung mit einem Ausblick über Krakau von einem Aussichtspunkt. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen.

Nach einer zweiten Nacht in Polen wandelte die Reisegruppe am Folgetag auf den Spuren der jüdischen Geschichte der Stadt. Unser Reiseleiter führte die Gruppe durch das jüdische Viertel Kazimierz mit mehreren Synagogen, von denen eine besichtigt werden konnte. Außerdem konnte man viele Orte aus dem Film „Schindlers Liste“ wiedererkennen, der in Teilen in diesem Stadtviertel gedreht worden war. Ein vorläufiger Höhepunkt wurde mit Christians Gesangseinlage erreicht.

Der Nachmittag hielt eine erste Begegnung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und der deutschen Besetzung Krakaus während des 2. Weltkrieges bereit. So machte die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Plaszow erstmals auf das Ausmaß der deutschen Grausamkeiten im Zuge des Krieges aufmerksam. Die Eindrücke und informativen Beiträge von Christian regten zum Nachdenken an und bewegten alle Teilnehmer der Reisegruppe tief.

Optional besuchten einige Schüler am späten Nachmittag die Schindler-Fabrik. Ein gemeinsames Essen beim Italiener bildete den Tagesabschluss.

Der nächste Tag knüpfte direkt an das Einwandern am Montag an. Frühmorgens brach die Gruppe ins Tatra Gebirge auf. Von Bergführerin Veronika begleitet, wurde die Wanderung angetreten, auf der wir Schüler unserem Fitnesslevel entsprechend an einer Berghütte oder einem Bergsee aussteigen und pausieren konnten. Eine kleine Gruppe schaffte sogar den Gipfelaufstieg und konnte auf die höchsten Gipfel Polens blicken – ein unvergessliches Erlebnis. Das Tatra Gebirge begeisterte die gesamte Gruppe mit atemberaubender Natur und spektakulären Aussichten. Trotz seiner Anstrengungen ist der Tag im Nachhinein als Highlight zu bezeichnen, an dem jeder Einzelne an und über seine persönlichen Grenzen hinaus gegangen ist.

Am Donnerstag wurde ein weiterer Stadtteil von Krakau besichtigt. So fuhren wir morgens mit der Straßenbahn in das Viertel Nowa Huta. Hier hielt unser Reiseführer zunächst am Stahlwerk einen spannenden Vortrag, wobei es in erster Linie um die Geschichte Krakaus während der sozialistischen Diktatur ging. So wurde der Stadtteil Nowa Huta in den frühen 1950er Jahren in kurzer Zeit staatlich aufgebaut. Das Viertel sollte als sowjetische Ideal- und Planstadt die sozialistische Ideologie repräsentieren und das alte, katholisch-konservative Krakau, dessen Bevölkerung das neue System ablehnte, in den Schatten stellen. Während der Besichtigung des Stadtteils erläuterte uns Stadtführer Christian eindrücklich die Rolle der Bewohner Nowa Hutas im Widerstand gegen das Unrechtsregime. So hielten die Bürger bspw. an ihrer Religion fest und setzten, entgegen der Vorgaben der sozialistischen Machthaber, den Neubau einer katholischen Kirche durch, die wir während unserem Rundgang von außen besichtigten.

Am Nachmittag gestalteten alle Mitreisenden ihre Freizeit individuell, wobei viele Schüler die Möglichkeit nutzten, erneut Eindrücke in der Altstadt zu sammeln; es wurden historische Kirchen besichtigt und der Marktplatz aufgesucht, außerdem frönten die Teilnehmer der Studienfahrt dem vielfältigen kulinarischen Angebot Krakaus.

Der Folgetag hielt erneut eine Wanderung bereit. So fuhren wir nach einem Frühstück im Hotel mit Straßenbahn und Bus in den Nationalpark Ojcowski, der mit seinen spektakulären Kalksteinklippen und steilen Schluchten beeindruckte. Beim Erwandern des Gebietes hatten die Mitreisenden erneut die Möglichkeit, je nach persönlicher Verfassung auszusteigen und den Rückweg anzutreten, um den Rest des Tages in der Stadt zu verbringen. Bevor sich der Tag mit einem gemeinsamen Abendessen beim Italiener dem Ende neigte, kehrten einige Mitglieder der Reisegruppe in eine kleine Teestube ein, um sich mit einer Tasse Schwarztee, der in Polen traditionell mit Zucker und Zitrone serviert wird, von den Strapazen der Wanderung zu erholen.

Der letzte Tag in Polen war mit einem besonders eindrücklichen Erlebnis verbunden: Dem Besuch der Gedenkstätte Ausschwitz. Nach einer zweistündigen Busfahrt erreichten wir das ehemalige Stammlager und trafen auf unsere Touristenführerin, die uns den Tag über begleiten sollte. Schweigend, den Namen der Opfer des Holocausts lauschend, gelangten wir auf das Gelände. Die Erzählungen der Reiseleitung und verschiedenen Ausstellungen in den ehemaligen Baracken machten uns an vielen Stellen fassungslos. Insbesondere die ausgestellten Massen an Besitztümern der Opfer wie Schuhe und Brillen machten vorstellbar, wie viele einzelne Existenzen die deutsche Diktatur zerstört hatte. Schockiert hat uns, neben der Besichtigung erhalten gebliebener Gaskammern und Krematorien, die Größe von Ausschwitz-Birkenau, welches wir nach einer zehnminütigen Busfahrt erreichten. Das Ausmaß an Barackenruinen und die Erzählungen unserer Besichtigungsleitung über die Lebensumstände im Lager verbildlichten die Dimension des Massenmordes und lösten, wie die Besichtigung der Selektionsrampe und weiteren Überresten von Gaskammern große Beklemmnis und Trauer aus. Der Besuch endete mit der Mahnung, Geschehenes nicht vergessen zu lassen, um zu verhindern, dass sich solch eine Katastrophe je wiederholen wird – wir werden versuchen unseren Teil dazu beizutragen!

Mit einem letzten Abend mit Christian und traditionellem polnischen Essen und Liedern neigte sich die Studienfahrt langsam dem Ende. Nach der Rückfahrt mit dem Flixbus und Zug am Folgetag, die an mehreren Stellen (wegen Staus und Verzögerungen) das Rennen zum Bahngleis forderte, kamen wir um 24 Uhr in Sande an. Voller schöner Erinnerungen fielen wir in unsere Betten. Unser besonderer Dank gilt Frau Dirks und Herrn Güttner, die mit ihrer perfekten Programmplanung und Erfahrung nicht nur für den großen Erfolg der Fahrt verantwortlich sind, sondern auch an vielen Abenden mit ihrem Humor die Gesprächsrunden bereicherten, bei den Wanderungen mit aufmunternden Worten motivierten und uns mit ihrer Begeisterungsfähigkeit ansteckten.

Wir alle würden die Studienfahrt nach Krakau jeder folgenden Schülergeneration wärmstens empfehlen und sagen „Zegnaj Polsko!“

Text und Bilder: Joscha und Niklas Kiesé